Der Ehevertrag gilt in Tschechien noch immer als Dokument für Reiche und Misstrauische. Die Realität sieht anders aus. Er ist ein praktisches und verantwortungsvolles Instrument, das enorm viel Stress, Geld und Zeit sparen kann, vor allem wenn einer der Partner unternehmerisch tätig ist, eine Immobilie besitzt oder internationale familiäre Bindungen hat. In diesem Beitrag erkläre ich, wie der Ehevertrag im tschechischen Recht funktioniert, wann er sinnvoll ist und wie seine Errichtung abläuft.
Was ist das gemeinsame Vermögen der Eheleute (SJM)?
Um den Sinn eines Ehevertrags zu verstehen, muss man zunächst wissen, was das SJM ist. Das gemeinsame Vermögen der Eheleute (společné jmění manželů) ist der gesetzliche Güterstand, der automatisch mit der Eheschließung entsteht. Zum SJM gehört alles, was die Eheleute während der Ehe erwerben: Einkommen aus Arbeit und Unternehmertätigkeit, gekaufte Immobilien, Haushaltsausstattung, Anlagen, aber auch Schulden. Ausgenommen sind Vermögenswerte, die ein Partner bereits vor der Ehe besaß, Erbschaften und Schenkungen, Gegenstände des persönlichen Bedarfs sowie Ersatz für immaterielle Schäden (§ 709 tschechisches Bürgerliches Gesetzbuch).
Bei einer Scheidung muss das SJM aufgeteilt werden. Einigen sich die Eheleute nicht, entscheidet das Gericht, was langwierig und kostspielig sein kann. Kommt es innerhalb von drei Jahren nach Erlöschen des SJM weder zu einer Einigung noch zu einem Antrag bei Gericht, gilt die unwiderlegbare Vermutung des § 741: Bewegliche Sachen, die einer der Ehegatten ausschließlich nutzt, fallen ihm zu, die übrigen beweglichen Sachen und Immobilien gehen in Miteigentum zu gleichen Teilen über, und die sonstigen Rechte und Schulden stehen beiden zu gleichen Teilen zu.
Wann ein Ehevertrag sinnvoll ist
Unternehmer und Geschäftsführer
Wenn einer der Partner unternehmerisch tätig ist, sei es als Einzelunternehmer oder als Gesellschafter einer s.r.o., schützt der Ehevertrag den anderen Partner vor Geschäftsschulden und zugleich das Unternehmen vor Ansprüchen im Scheidungsfall. Ohne Ehevertrag kann der Geschäftsanteil an einer s.r.o. in das SJM fallen, was bei einer Scheidung den Betrieb des Unternehmens erschwert.
Immobilieneigentümer
Besitzt einer der Partner vor der Ehe eine Immobilie, bleibt diese zwar sein Alleineigentum, die Einnahmen daraus (Miete) und Investitionen (eine aus gemeinsamen Mitteln finanzierte Sanierung) können jedoch bereits zum SJM gehören. Ein Ehevertrag regelt das eindeutig.
Erbschaft und Familienvermögen
Erwartet einer der Partner eine Erbschaft, kann der Ehevertrag festlegen, wie mit dem ererbten Vermögen umgegangen wird. Die Erbschaft selbst fällt zwar kraft Gesetzes nicht in das SJM, ihre Erträge hingegen schon. Zudem vermischen sich ererbte Mittel in der Praxis häufig mit gemeinsamen, und dann sind sie kaum noch zu trennen.
Partner mit deutlich unterschiedlichem Einkommen
Verdient einer der Partner deutlich mehr, kann der Ehevertrag ein faires Instrument zur Regelung der Vermögensverhältnisse sein. Es geht nicht darum, einen Partner zu benachteiligen, sondern im Gegenteil darum, klare Regeln zu vereinbaren, mit denen beide einverstanden sind, solange sie sich lieben und rational verhandeln können.
Was ein Ehevertrag regeln kann
Das tschechische Bürgerliche Gesetzbuch (Gesetz Nr. 89/2012 Slg., § 717) bietet den Eheleuten vier Alternativen zum gesetzlichen Güterstand. Erstens die Gütertrennung: Jeder Ehegatte behält alles, was er erwirbt, als Alleineigentum. Zweitens den Güterstand, bei dem das SJM erst zum Tag der Auflösung der Ehe entsteht. Drittens die Erweiterung des SJM: Auch Vermögen, das sonst Alleineigentum bliebe (etwa eine Erbschaft), wird einbezogen. Viertens die Einschränkung des SJM: Bestimmte Positionen (etwa Einkünfte aus Unternehmertätigkeit oder eine konkrete Immobilie) werden aus dem gemeinsamen Vermögen ausgenommen. In der Praxis am häufigsten sind die Einschränkung des SJM und die Gütertrennung.
Der Vertrag kann auch konkrete Bestimmungen zur Verwaltung des gemeinsamen Vermögens enthalten, etwa wer über Immobilien verfügen darf, wer die Konten verwaltet oder wie größere Ausgaben gehandhabt werden. Was der Vertrag nicht regeln kann: Er darf die Rechte Dritter (insbesondere Gläubiger) nicht beeinträchtigen, er kann keinen Unterhaltsverzicht für die Zukunft enthalten, und er betrifft nicht die Obsorge für Kinder, über die im Scheidungsfall immer das Gericht entscheidet.
Grenzüberschreitende Ehen: Tschechien und Österreich
Bei tschechisch-österreichischen Paaren ist die Lage komplexer, weil das österreichische Recht einen anderen gesetzlichen Güterstand kennt. In Österreich gilt als Ausgangspunkt die Gütertrennung, also das Gegenteil des tschechischen SJM: Bei einer Scheidung behält jeder sein Vermögen, das eheliche Gebrauchsvermögen und die Ersparnisse werden jedoch im gerichtlichen Aufteilungsverfahren geteilt.
Hat ein Paar tschechisch-österreichische Bezüge, ist es entscheidend, im Vertrag festzulegen, welches Recht auf die Vermögensverhältnisse anwendbar ist. Die EU-Güterrechtsverordnung (Verordnung (EU) 2016/1103, im Rahmen der Verstärkten Zusammenarbeit erlassen) gilt sowohl in Tschechien als auch in Österreich, und zwar für Ehen, die ab dem 29. Jänner 2019 geschlossen wurden; für ältere Ehen gelten die nationalen Kollisionsnormen, sofern die Ehegatten keine Rechtswahl treffen. Ohne Rechtswahl richtet sich das Güterrecht nach dem Recht des Staates des ersten gemeinsamen gewöhnlichen Aufenthalts nach der Eheschließung (Art. 26); ein späterer Umzug ändert das anwendbare Recht für sich genommen nicht. Die Ehegatten oder Verlobten können jedoch das Recht des Staates wählen, in dem mindestens einer von ihnen seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat oder dessen Staatsangehörigkeit er besitzt (Art. 22). Wir empfehlen, diese Wahl noch vor der Hochzeit im Ehevertrag zu treffen und den Vertrag zweisprachig zu errichten.
Wie die Errichtung eines Ehevertrags abläuft
Ein Ehevertrag muss in Tschechien zwingend in Form einer öffentlichen Urkunde, also als notarielle Urkunde (notářský zápis), errichtet werden (§ 716 Abs. 2 tschechisches Bürgerliches Gesetzbuch). Eine Privaturkunde ist auch mit beglaubigten Unterschriften unwirksam. Der Ablauf ist typischerweise folgender: Zunächst findet eine Beratung beim Rechtsanwalt statt, bei der beide Partner ihre Vermögenssituation und Vorstellungen erläutern. Der Anwalt schlägt den passenden Güterstand vor und bereitet den Vertragsentwurf vor. Beide Partner prüfen den Entwurf und können Änderungen vorschlagen. Die Endfassung errichtet der Notar als notarielle Urkunde.
Wenn es im Vertrag vereinbart ist oder beide Ehegatten es verlangen, trägt der Notar den Vertrag in das öffentliche Verzeichnis der Urkunden über den ehelichen Güterstand (Seznam listin o manželském majetkovém režimu) der Tschechischen Notarkammer ein. Erst durch diese Eintragung wirkt der Vertrag gegenüber Dritten (Gläubigern, Banken) auch dann, wenn sie seinen Inhalt nicht kannten; deshalb empfehlen wir die Eintragung. Betrifft der Vertrag eine Immobilie, wirkt er gegenüber Dritten mit der Eintragung im Kataster.
Was ein Ehevertrag kostet
Die Notargebühr richtet sich nach dem Notartarif (Verordnung Nr. 196/2001 Slg.): Bei einem Vertrag, der sich nicht auf konkretes Vermögen bezieht (typischerweise Gütertrennung für die Zukunft), beträgt sie 5 000 Kč zuzüglich USt.; bezieht er sich auf konkretes Vermögen, etwa eine Immobilie, wird sie aus dessen Wert berechnet und liegt orientierungsweise bei 5 000 bis 15 000 Kč. Das Anwaltshonorar für Entwurf und Beratung wird individuell vereinbart, typischerweise 10 000 bis 30 000 Kč je nach Komplexität. Die Gesamtkosten beginnen bei einfachen Fällen also bei etwa 15 000 Kč; bei grenzüberschreitenden Verträgen mit Rechtswahl können sie höher sein.
Mythen über den Ehevertrag
Der erste und verbreitetste Mythos lautet, ein Ehevertrag sei ein Zeichen von Misstrauen. Tatsächlich ist er ein Zeichen von Verantwortung, ähnlich wie eine Versicherung. Ein weiterer Mythos: Der Vertrag schütze nur den wohlhabenderen Partner. Ein gut gestalteter Vertrag schützt beide, auch den wirtschaftlich schwächeren, weil er dessen Rechte klar festlegt. Dritter Mythos: Der Vertrag könne nicht geändert werden. Das stimmt nicht; die Eheleute können ihren Güterstand während der Ehe jederzeit durch einen weiteren Vertrag in notarieller Form ändern. Vierter Mythos: Bei der Scheidung werde der Vertrag ohnehin ignoriert. Tschechische Gerichte respektieren wirksame Verträge, sofern sie den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.
Wann es zu spät ist
Ein Ehevertrag kann jederzeit vor der Hochzeit geschlossen werden. Aber Achtung: Denselben Vertrag (Vertrag über den ehelichen Güterstand) können auch Eheleute während der Ehe schließen. Wenn Sie also ohne Vertrag geheiratet haben und jetzt feststellen, dass Sie einen bräuchten, ist es nicht zu spät.
Wie wir Ihnen helfen können
Mgr. Barbora Surmanová, Rechtsanwältin (Tschechische Rechtsanwaltskammer, Nr. 13930), ist auf Familien- und Vermögensrecht spezialisiert und seit 2006 als Anwältin tätig. Wir beurteilen mit Ihnen, ob ein Ehevertrag in Ihrer Situation sinnvoll ist, erstellen einen maßgeschneiderten Entwurf und begleiten Sie durch den gesamten Prozess einschließlich der Abstimmung mit dem Notar. Bei tschechisch-österreichischen Paaren bieten wir den Vorteil einer zweisprachigen Bearbeitung und der Kenntnis beider Rechtssysteme; dank der Zusammenarbeit mit dem gerichtlich beeideten Übersetzer Mgr. Jaroslav Surman können wir alle Dokumente in beiden Sprachen erstellen.
Sie denken über einen Ehevertrag nach? Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches und diskretes Erstgespräch. Mehr über unsere Leistungen finden Sie auf der Seite Rechtsdienstleistungen.
Stand: August 2026.



